Radfahren: ein Prozess
Eine richtige Entscheidung
Die jugendliche Liebe zum Sport war im Berufsalltag verblasst, die Waage wurde immer mehr zum Feind und Gedanken wie: “Ich sollte wieder mehr Sport machen.” blieben auch leider nur bei Gedanken.
Und während ich am Arbeitsweg mit dem Auto am Wiener Gürtel im Stop-and-Go-Verkehr festsaß, es - in Retrospektive eigentlich pervers - als alternativlos und normal empfunden habe, staute sich immer mehr Ärger und Frust an, der eigentlich nicht notwendig war.
Bis mich die Stadt Wien mit der Erweiterung der Kurzparkzone auf meinen Arbeitsbezirk vor die Wahl gestellt hat: Besorge ich mir ein Parkpickerl, zahle ich dafür, meine bisherige Art zu Pendeln weiter durchführen zu können, oder gibt es vielleicht Alternativen, die ich bis jetzt nicht am Schirm hatte?
So wurde die Entscheidung getroffen, mir anstelle eines Parkpickerls ein Fahrrad zuzulegen. Aus dem Auto-Pendler wurde jemand, der auch im Winter am Fahrrad sitzt. Der es genießt, sich dabei auszupowern. Und der seinen Arbeitsweg nutzt, um seinem Körper etwas Gutes zu tun.
Ein Rad für den Wiedereinstieg
Ein Trek-5500 im USPS-Team-Design. Carbonrahmen, sportliche Geometrie und 3x9-Ultegra-Schaltgruppe treffen auf einen Neuling, der vor das Problem gestellt wurde, sich ein Fahrrad gekauft zu haben, vor dem er zu viel Respekt hat, um daran herumzubasteln.
Am Genesis-Trekkingrad der Freundin hingegen wurde zum ersten Mal selbst ein Vorbau getauscht.
Er ist hineingekippt. Sie fährt nach einem Unfall mittlerweile nicht mehr.
Die Reise beginnt
Das Trek hielt sich nicht lange, der Respekt war zu groß und die notwendigen Kenntnisse über die für mich passende Geometrie beim Kauf noch nicht vorhanden. Es folgte die Anschaffung eines Wichita-Race-Rennrades mit 3x9-105-Gruppe, sowie der Kauf eines ersten, kostengünstigen, fahrradspezifischen Werkzeugkastens.
Und los ging die Reise, es wurden Kassetten getauscht, mit Road-Links experimentiert, erste Hands-on-Erfahrung in der Fahrradtechnik gemacht, während am Bike neue Wege erkundet und erste größerer Touren gewagt wurden.
Der erste Meilenstein
Das erste, vom nackten Rahmen weg selbst aufgebaute Rad. Ein Radon TCS-Trekking-Rahmen mit Ali-Express-Carbon-Gabel zum Gravelbike gemacht. Hier am Bild noch mit 1x12-Sram-eagle Schaltung, die mittels Trigger, der mit 31,8mm Umwerferschelle am Lenker montiert war, geschalten wurde.
Es folgten erste Erfahrungen mit den Ratio-Technology-Kits und ein Umbau auf Bremsschalthebel.
Der nächste Schritt
Weil sich das Basteln am Rad immer stärker als Hobby etabliert hat - und halb aufgebaute Fahrräder immer mehr zum Ortsbild des Wohnzimmers wurden - war irgendwann klar:
Eine Werkstatt muss her.
Eine kleine man-cave, in der sich der Fahrradler austoben kann, ohne anderen Mitbewohnern auf die Zehen zu treten. So wurde ein Abstellraum aufgewertet: Schöner Boden verlegt, eine Arbeitsplatte in passender Arbeitshöhe montiert und die mit der Zeit angehäuften Spezialwerkzeuge schön aufgereiht an der Werkzeugwand präsentiert.
Ein Rückzugsort, an dem der Stress des Alltags mit dem Schließen der Werkstatt-Türe endet.
Und während sich die Anfragen im Bekanntenkreis häuften - “Du kennst dich ja mit Fahrrädern aus, ge.” - wurde immer mehr realisiert, dass eigentlich mit den Jahren eine beträchtliche Menge an Fachwissen angehäuft wurde. Und dieses weiterzugeben, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, eigentlich auch ziemlich viel Spaß macht.
Und so beginnt wieder ein neuer Abschnitt, den ihr alle hier mitverfolgen könnt: Nicht mehr alleine in der Werkstatt zu sitzen,
sondern Teil der Community zu werden.